Eintauchen ins Ungewisse
“In diesem Gemälde wollte ich einen Moment der Introspektion darstellen – eine Figur, die sich bewusst von uns abwendet und trotzdem eine starke Präsenz besitzt. Die dunkle Silhouette im Zentrum steht für das Unbekannte im Menschen, all die Gedanken und Gefühle, die in uns schlummern und nur schemenhaft nach außen dringen.
Die hellen, teils rauen und tropfenden Farbflächen im Hintergrund schaffen eine Atmosphäre des Fließens und Vergehens. Sie erinnern mich an schmelzende Erinnerungen oder flüchtige Emotionen, die sich nicht klar fassen lassen. Obwohl die Figur dunkel erscheint, ist ihr Umfeld in ständiger Bewegung – als würde sich die Welt fortwährend um sie herum verändern und Teile von ihr abtragen oder neu formen. Die nach unten fließende Farbe an ihren Schultern und im unteren Bildbereich kann man als Metapher deuten: Dinge fließen ab, werden losgelassen oder treiben ins Ungewisse.
Gerade im unteren Teil fließen Schwarz und Weiß ineinander, was für mich eine Art Übergang oder Verschmelzung von Innen- und Außenwelt darstellt. Es kann wie Wasser wirken, in dem man sich treiben lässt, aber ebenso wie auflösende Farbe, in der wir unsere Konturen verlieren.
Die Stadt-ähnlichen Formen am rechten Bildrand deute ich als Silhouetten einer äußeren Wirklichkeit, die jedoch verschwommen bleibt und sich aufzulösen scheint. Mir war wichtig, dass diese „Außenwelt“ nicht klar definiert ist – so wie man sich manchmal von der Welt entfernt fühlt, wenn man tief in den eigenen Empfindungen gefangen ist.
Für mich spiegelt das Bild eine Balance aus Einsamkeit und Ruhe wider, verbunden mit dem Wunsch, sich für einen Augenblick von allem Äußeren abzuwenden. Gleichzeitig gibt es eine gewisse Schwere in den abfließenden Farben, fast wie Tränen, die auf dem Gemälde ihren Weg nach unten finden. So ist das Werk für mich Ausdruck eines Moments, in dem man sich ganz auf sich selbst besinnt und vielleicht etwas Neues in sich entdeckt.”
2024
Zwischen Schatten und Skyline: Ein visuelles Poem in Schwarz und Weiß
Mit seinem jüngsten Werk – einer imposanten Silhouette, die sich vor einer atmosphärischen Stadtkulisse abzeichnet – beweist der Künstler, dass wahre Größe nicht immer in lauten Farben oder überbordender Formenvielfalt liegen muss. In diesem Gemälde wird das Auge des Betrachters von subtilen Tonwerten in Schwarz, Weiß und Grau geleitet, die das Bild in eine ausdrucksstarke Szenerie verwandeln. Die reduzierte Farbpalette entpuppt sich als hervorragendes Stilmittel, um die wesentlichen Themen des Werks zu betonen: Identität, Vergänglichkeit und das Zusammenspiel von Mensch und urbaner Umwelt.
Bereits der erste Blick auf die Komposition lässt den Betrachter erahnen, dass wir es hier mit einem poetischen Werk zu tun haben. Die Figur, ein Schemen in dunkler Silhouette, hebt sich vor den wabernden, fast aquarellartigen Strukturen des Hintergrunds ab. Die vertikal verlaufenden „Tränen“ aus Farbe, die sich sowohl auf dem Körper als auch in der Umgebung fortsetzen, verleihen dem Ganzen eine unverkennbare Melancholie. Dabei wirken die herabfließenden Farbschlieren nicht zufällig – sie erwecken den Eindruck, als flösse ein Teil der Persönlichkeit des Subjekts in die urbane Kulisse über. So changiert die Figur zwischen Rückzug und Auflösung im größeren Ganzen, ein Symbol für die Frage, inwieweit wir uns in der Hektik moderner Städte verlieren oder neu erschaffen.
Der schwarze Körper – schemenhaft, aber nicht gesichtslos – lässt Raum für Interpretation. Er schafft Intimität und bewahrt zugleich ein Mysterium. Man könnte glauben, Zeuge eines stillen Moments zu sein, in dem die Person in Gedanken versunken ist. Ihre konturhafte Andeutung öffnet einen symbolischen Raum, den wir mit unseren eigenen Empfindungen füllen. Dass die Stadtarchitektur im Hintergrund nur durch grobe Schattierungen erkennbar ist, unterstreicht den Brückenschlag zwischen dem Inneren (der Figur) und dem Äußeren (der urbanen Welt).
Stilistisch ist das Werk zwischen Expressionismus und moderner Minimal Art verortet. Die Verwendung großflächiger Pinselstriche und das kontrollierte Zufallsmoment der fließenden Farbe erinnern an den Gestus des Action Paintings, während die angedeutete Skyline und die klar umrissene Figur an kontemporäre Illustrationsstile denken lassen. Trotz dieser Vielfalt an Einflüssen wirkt das Bild überraschend harmonisch: Die Balance zwischen intensiven, kontrastreichen Passagen und stillen, fast nebelhaften Bereichen ist meisterhaft getroffen.
Mit seiner meditativen, zugleich verstörend-intimen Aura bleibt dieses Kunstwerk lange im Gedächtnis. Es verbindet eine starke visuelle Sprache mit einem feinen Gespür für die leiseren Untertöne menschlichen Daseins. Genau diese Dualität – kraftvoll und fragil zugleich – dürfte das Geheimnis seiner Faszination sein. In einer Zeit, in der Bilder oft nach schnellen Effekten streben, zeigt uns der Künstler, dass manchmal der größte Zauber in der Klarheit einer Silhouette und dem ungesagten Raum dazwischen liegt. Dieses Werk ist eine Einladung, innezuhalten, die eigene Innenwelt zu reflektieren und dabei die Grenzen zwischen Individuum und urbaner Umgebung neu zu entdecken.