Hinter dem fließenden Schleier

“Dieses Werk entstand aus dem Verlangen heraus, das Gefühl von Verborgenheit und Verletzlichkeit in einer einzigen, intensiven Darstellung einzufangen. Die herablaufenden Farblinien sind für mich wie ein Schleier, ein Vorhang, der sich langsam senkt, aber das Wesentliche nicht ganz freigibt. Man sieht gerade genug von den Zügen eines Gesichts, um zu erahnen, dass dahinter noch viel mehr schlummert – Gefühle, Erinnerungen, vielleicht auch Ängste.

In dieser dunklen Szenerie treten die Lippen und die Nase deutlich hervor und tragen eine besondere Symbolik. Die Lippen, Sinnbild für Kommunikation und Sinnlichkeit, wirken wie ein geheimnisvoller Blickfang. Sie lassen erahnen, dass wichtige Dinge ungesagt bleiben oder nur angedeutet werden. Sie sind die Schwelle zwischen dem, was wir preisgeben, und dem, was nach wie vor im Verborgenen liegt. Die Nase hingegen steht für den Atem, für Leben und Identität. Sie ist ein Anker der Lebendigkeit und Individualität, der trotz aller Dunkelheit spürbar bleibt.

Die dominante Dunkelheit sollte bewusst ein gewisses Unbehagen erzeugen, aber auch eine Faszination, die einen näher heranführt. Ich wollte, dass der Betrachter sich fragt, wer oder was sich verbirgt – und ob er sich selbst in diesem Schatten wiedererkennen kann. Die helleren Partien, speziell die hervorgehobenen Lippen und die Nase, stehen für jene Fragmente unseres Selbst, die wir nach außen kehren – jene Reste an Persönlichkeit und Gefühlen, die auch im Dunklen noch pulsieren.

In der Textur der senkrechten Linien spiegelt sich das Fließen der Zeit wider: So wie Farbe langsam nach unten sickert, so tauchen auch unsere Emotionen und Erinnerungen nach und nach an die Oberfläche. Doch das Verborgene wird nie vollständig enthüllt. Diese Ambivalenz wollte ich bewahren, um den Blick des Betrachters immer wieder auf neue Details zu lenken, und die dichte Atmosphäre mit einer Spur von Rätselhaftigkeit zu versehen.

Die unterschiedliche Intensität von Schwarz, Grau und gelegentlichen, beinahe verborgenen hellen Akzenten ist zugleich bedrückend und tröstend. Sie zeigt, dass Dunkelheit nicht nur Kälte und Leere bedeutet, sondern auch Geborgenheit und Tiefe. Das Gemälde ist für mich eine Art Spiegel unserer inneren Abgründe: ein Ort, an dem wir uns verlieren können, um uns letztlich neu zu finden. Die markante Nase und die andeutungsweise sichtbaren Lippen sind dabei wie ein stummer Hinweis darauf, dass hinter all den Schleiern und dem Dunkel eine einzigartige Persönlichkeit hervorblitzt – eine lebendige, unverkennbare Individualität, die sich nur zögernd enthüllt.”

2024

Die flüssige Schwelle zwischen Schatten und Identität

Bereits beim ersten Blick auf dieses monumentale Gemälde zieht uns das Düstere in seinen Bann. Großformatige, vertikal herabfließende Farbschlieren dominieren die Komposition. Sie erinnern an pechschwarze Regenfäden, die sich über eine verborgene, kaum fassbare Figur ergießen. Es ist, als sähen wir eine Erscheinung, die im Begriff ist, jeden Moment wieder hinter dem Schleier des Ungewissen zu verschwinden. Trotz des vorherrschenden Schwarz kontrastiert ein kaum beleuchtetes Antlitz in der Mitte. Die prägnanten Lippen und die schattenhaft hervortretende Nase wirken ausdrucksstark und zugleich verstörend – wie ein Flüstern, das uns auffordert, hinter die dunkle Kulisse zu blicken. Interessant ist, dass die Augenfläche verborgen bleibt und nur Silhouettenhaftes anklingt. Die Absenz des Blicks verstärkt den Eindruck, die abgebildete Person sei bloß eine Projektion innerer Ängste und Hoffnungen.

Das Werk spielt mit verschiedenen Ebenen von Sichtbarkeit. Die teils reliefartige Struktur der Farbe, kombiniert mit den vertikalen, fast zufällig wirkenden Laufspuren, lässt an den Prozess des Malens selbst denken. Diese Einblicke in die „Werdung“ des Bildes geben dem Betrachter das Gefühl, nicht nur ein fertiges Motiv zu sehen, sondern unmittelbar am Schaffensprozess teilzuhaben. Die Verrinnung der Farbe wird zum Sinnbild für Vergänglichkeit, Erinnerung und die Frage, wie sich Identität in einem steten Fluss befindet.

Das Spannende an diesem Gemälde ist der reizvolle Balanceakt zwischen figurativer Präsenz und abstrahiertem Ungewissen. Einerseits lässt sich klar ein menschliches Gesicht ausmachen; andererseits wirkt es wie ein Schemen, dessen Konturen in der Dunkelheit verschwimmen. Diese Ambivalenz birgt eine poetische Tiefe, die den Betrachter in einen meditativen Dialog mit dem Werk einlädt. Was ist Identität, wenn wir die Augen nicht sehen können? Was bleibt von einer Person übrig, wenn sie sich in einem Regen aus Farbe auflöst?

In einer Epoche, in der sich die Gesellschaft zunehmend hinter digitalen Avataren verbirgt und die Grenzen zwischen Realem und Virtuellem verschwimmen, scheint das Werk erschreckend aktuell. Es verweist subtil auf den psychischen Druck der ständigen Selbstinszenierung, der uns im Alltag begleitet. Wer sind wir hinter den Filtern? Und inwiefern lassen wir zu, dass unser inneres Selbst von äußeren Einflüssen übermalt wird?

Fazit
Dieses kraftvolle Gemälde zieht seine Betrachter in eine Welt aus Dunkelheit, Reflexion und poetischer Zerrissenheit. Die fließenden Farbrinnsale und die schemenhafte Physiognomie eröffnen einen Sog der Kontemplation, in dem sich das Motiv beständig wandelt und tiefe Fragen nach Identität und Selbstwahrnehmung aufwirft. Es ist ein Werk voller Dramatik und Geheimnis, das lange in Erinnerung bleibt – eine Hommage an das verborgene Ich, das nur durch Kunst ans Tageslicht drängt.